1985 PDF Drucken E-Mail schreiben

MIMUSE Plakat 1985

1985 spielten bei uns:

  • Banda Osiris MusicComedy
  • Bügelbrett Kabarett
  • Herbert Bonewitz Kabarett
  • Lisbeth Felder Kabarett
  • Erwin Grosche Kabarett
  • Andräs Kecskés Pantomime
  • Georg Kreisler & Barbara Peters Songs
  • Otto van der Mieden Figurentheater
  • De Nieuwe Snaar MusicComedy
  • Pic Clown (Bild unten)
  • Kalle Pohl Kabarett
  • Raluti Clown
  • Christof Stählin Kabarett
  • Teatro lngenuo Comedy
  • Neville Tranter Figurentheater
  • ViS ä ViS Comedy, Pantomime

 

 

Michael Laages, Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 28.3.1985

Luftballons und schräge Töne

Zum Abschluß des Langenhagener „Mimuse"-Festivals

Feinsinnige Musikgeschmäcker sind bitteschön an der Garderobe abzugeben denn vor dem wahrhaft hanebüchenen Unsinn der „Banda Osiris" wäre keiner von ihnen sicher. Und die Aufmachung des italienischen ChaotenQuartetts führt obendrein auch noch so herrlich in die Irre: brav befrackt beginnen die kauzigen Nachfahren des Knallerbsen-Sinfonikers Spike Jones, ihre Musikalien Ton für Ton zu zerlegen. Und ihnen kommt jeder vor die Flinte  anarchisch und albern scheuen sie vor keinem Komponistendenkmal zurück. Was die italienische Bande da anstellt, wirkt so unverfroren und spontan (und ist dabei so unerhört pointensicher montiert), daß beim Finale des Langenhagener „Mimuse"Festivals in der letzten Nacht tatsächlich so etwas wie der pure Wahnsinn ausgebrochen ist  auf der Bühne ohnehin, aber auch davor. Wenn die Stühle nicht so dicht stünden, könnte wohl in der Tat jemand vor Lachen vom Stuhle kippen.

PicDieser Unfug hat Tradition  nach Spike Jones, der seine Zuhörer mit Schluckauf und Pistolenknall traktierte, sind die MusikClowns vor allem im JazzMetier zu Hause, Bob Kerrs unsägliche WhoopeeBand und Harry Strutters Hot Rhythm Orchestra sind Beispiele, die auch über Hannover hereinbrachen. Beim Kleinkunsttreffen haben die entfesselten Italiener mit ihrem Nonsens-Furioso und auch das derbe „Teatro Ingenuo" mit seinen Clownerien einen letzten schrägen Ton für den Schwerpunkt des Festivals geliefert  nicht so sehr die politischliterarische Satire hat das Festival bestimmt, trotz „Bügelbrett", Georg Kreisler und Christof Stählin, sondern eher schon der komödiantischleichthändige Umgang mit unterschiedlichsten Spielstilen und Methoden.

Schon der Kölner Kalle Pohl, eine der Entdeckungen dieser zweieinhalb Kleinkunstwochen, hatte diese Richtung vorgegeben  der klingt mal nach Brel und mal nach Kneipenlyrik, der kann so kernig kölsche Typen im derben Platt aus dem Ärmel zaubern, der hat den Ernst des Liedermachers und den luftigen Schalk des Clowns, und die KleinkunstSchubladen werden völlig überflüssig. Kalle Pohl ist durch und durch ein Komödiant  und nicht jeder, der sich so bewußt zwischen die Stile setzt, tut das so elegant und souverän.
„Vis ä Vis" zum Beispiel, einem Duo aus dem Schwäbischen, gelingt das nicht  ihre Spielideen wirken ein wenig halbfertig. Hier bleibt Kleinkunst unscheinbar, in den traumhaften Puppenvisionen des Australiers Neville Tranter oder im unkonventionellen Spiel des ungarischen Pantomimen Andreas Kecskes wird kleine Kunst dagegen sehr schnell zur großen.

Und was das Kabarett angeht, so ist vielleicht der zweite Finalist am ehesten typisch für die Aktualität des „Szene" Herbert Bonewitz, der Erz und gerade deshalb ExKarnevalist, der den alten obrigkeitskritischen Witz der Mainzer Fastnacht gegen die „Berufshumoristen" verteidigt, propagiert nun eine Art „Volkskabarett". Durchaus derb geht es zu bei ihm, er scheut auch nicht vor Kalauern zurück  wenn er zum Beispiel „Bürgerkönig Kohl" zum „Burgerking" degradiert oder der „MarxismusSenilismus" aufs Korn nimmt , doch bei aller Leichtigkeit sind in seinen sehr souveränen Improvisationen auch Perlen anzutreffen. Nicht nur, wenn wieder mal „der Scheck die Mittel heiligt", sondern auch dann, wenn er im Grundgesetz stöbert und dabei feststellt, daß „Abgeordnete an Weisungen nicht gebunden sind  aber von Überweisungen ist nirgends die Rede!"

Bei Bonewitz verbinden sich Jux und Schärfe sehr kollegial, nicht unbedingt in derart gedanklicher Klarheit wie bei Hannelore Kaubs Berliner „Bügelbrett", aber doch bunt und durchsichtig zugleich  die Luftballons, die das rührige und dank regen Zuspruchs auch sehr zufriedene „Mimuse"Team in der letzten Nacht über das italienische Chaos schütteten, hätten auch Bonewitz gut angestanden.

 

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